Noto
Noto verdankt sein geschlossen wirkendes Stadtbild einem tiefen Einschnitt: Nach dem Erdbeben von 1693 wurde die Stadt nicht am alten Ort wiederaufgebaut, sondern weiter unten neu angelegt. Das heutige Zentrum ist damit zugleich eine barocke Stadt und ein bewusst geplanter Neubeginn. Wer Noto besucht, erlebt keine zufällig gewachsene Ansammlung von Monumenten, sondern ein Ensemble, dessen Straßenräume und Fassaden zusammengehören. Noto liegt im Südosten Siziliens in der Provinz Syrakus.
Eine Stadt nach dem Erdbeben
Das frühere Noto, heute Noto Antica genannt, lag auf dem Monte Alveria, mehrere Kilometer nördlich des heutigen Zentrums. Archäologische Funde belegen eine lange Besiedlung des Gebiets, die bis in die frühe Bronzezeit zurückreicht. Die antike Stadt Netum wechselte im Lauf ihrer Geschichte zwischen verschiedenen politischen Machtbereichen. Zur Zeit Hierons II. wurde sie syrakusanische Kolonie; 214 v. Chr. erkannten die Römer Noto als verbündete Stadt an und gewährten den Einwohnern einen eigenen Senat. Die mittelalterliche Siedlung entwickelte sich auf der Alveria weiter, bis das Erdbeben des Jahres 1693 die Stadt zerstörte.
Die Entscheidung, weiter talabwärts zu bauen, gab Noto eine neue räumliche Ordnung. Mathematiker, Architekten und Ingenieure wirkten an der Planung mit; zu den mit der Wiedererrichtung verbundenen Namen zählen Giovanni Battista Landolina, der Jesuit Angelo Italia und der Militärarchitekt Giuseppe Formenti. Baumeister und Steinmetze aus unterschiedlichen Teilen Siziliens setzten den Plan um. Die neue Stadt wurde so zu einem sichtbaren gemeinsamen Werk von Entwurf und Handwerk. Noto gehört zu den Städten des spätbarocken Val di Noto, dessen Wiederaufbau die Architektur im Südosten der Insel prägte.
Corso Vittorio Emanuele und die barocke Kulisse
Die historische Hauptachse führt an Kirchen, Palästen und Plätzen vorbei. Ein markanter Bau ist die Kirche San Domenico, die als besonders repräsentatives Beispiel des späten Barock in Noto gilt. Ihre Grundform mit griechischem Kreuz, drei Schiffen und fünf Kuppeln zeigt, wie stark die Kirchenarchitektur den öffentlichen Stadtraum gestaltet. Die Fassaden wirken dabei nicht isoliert: Sie bilden zusammen mit Treppen, Vorplätzen und den gegenüberliegenden Palästen eine Abfolge wechselnder Perspektiven.
Auch Palazzo Nicolaci gehört zu den prägenden Stadtpalästen. Die Residenz der Familie Nicolaci wurde ab 1720 nach einem Entwurf Rosario Gagliardis begonnen und unter Beteiligung Vincenzo Sinatras bis 1765 vollendet. Besonders auffällig sind die schmiedeeisernen Balkongitter und ihre steinernen Konsolen mit Figuren wie Sirenen, Löwen und Sphinxen. Das Gebäude veranschaulicht, wie dekorative Bildmotive in die Fassade integriert wurden. Der Besuch dieses Palastes ergänzt den Spaziergang durch die Stadt um einen Blick auf die repräsentative Wohnkultur des 18. Jahrhunderts. Kirchen, Paläste und historische Zentren gehören zu den Sehenswürdigkeiten Siziliens.
Noto als Stadt und nicht nur als Fassadenbild
Die Wirkung Notos entsteht aus dem Zusammenspiel von Maßstab, Material und Bewegung. Beim Gehen verändert sich der Blick: breite Plätze öffnen die Straßenfolge, Treppen vermitteln zwischen unterschiedlichen Höhenniveaus, und die warme Farbigkeit des lokalen Kalksteins verbindet viele Baukörper. Die Stadt lässt sich daher gut zu Fuß lesen, indem man den zentralen Straßenraum als Ganzes verfolgt und Seitenwege für Kirchen und Paläste nutzt.
Gleichzeitig verweist die heutige Stadt immer wieder auf die ältere Siedlungsgeschichte. Noto Antica und die neue Stadt gehören zusammen, auch wenn sie räumlich getrennt sind: Auf der Alveria liegen die Spuren der früheren Besiedlung, während das Zentrum des 18. Jahrhunderts den Wiederaufbau nach der Katastrophe sichtbar macht. So wird ein Besuch zu einer Begegnung mit Kontinuität und Bruch zugleich.